MUSS HANDWERK NOCH VOLLZEIT SEIN?
Im Baugewerbe ist Teilzeitarbeit selten. Die Rumbau GmbH in Aegerten zeigt, dass es auch anders geht – und möchte Beruf und Privatleben besser verbinden.
aJOUR Artikel von Nathan Messerli, publiziert am 04.03.2026, 06:00 Uhr

Stefanie Walker und Sebastian Heubuch sind Teil der Geschäftsführung.
Quelle: Mijo Wahli
Der angenehme Geruch von frischen Sägespänen liegt in der Luft. Es ist ruhig, ganz anders, als man das von einer Werkstatt erwarten würde. «Eigentlich verbringen wir nicht viel Zeit hier», sagt Stefanie Walker, Co-Inhaberin und Co-Geschäftsführerin des Holzbauunternehmens Rumbau GmbH. Walker selbst kommt nicht aus dem Holzbau; sie betreut bei Rumbau HR und Buchhaltung. Obwohl sie im Büro anzutreffen ist, findet die eigentliche Arbeit des Teams meist unterwegs statt. Man begegne den Handwerkerinnen und Handwerkern öfter auf der Baustelle als in der Werkstatt. Denn da werden nur kleinere Vorbereitungen getroffen.

Meist steht sie leer: Die Werkstatt von Rumbau in Aegerten.
Quelle: Mijo Wahli
Rumbau ist ein reiner Teilzeitbetrieb – mit Ausnahme der Lernenden. In handwerklichen Berufen ist das eine Seltenheit: Laut dem Bundesamt für Statistik ist im Baugewerbe nur jede sechste Stelle eine Teilzeitstelle. Im Dienstleistungssektor hingegen ist es bereits jede zweite Stelle.
Mehr Flexibilität im Holzbau
Hier will Rumbau ansetzen. Ob Teilzeitarbeit, sechs Wochen Ferien am Stück oder früher Feierabend: Das Unternehmen möchte seinen elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Arbeitsbedingungen bieten, die mit ihren Bedürfnissen und Vorstellungen übereinstimmen. «Klar können wir nicht immer alles ermöglichen, aber unsere Angestellten sollen zu uns kommen und über ihre Anliegen sprechen können», sagt Walker.

Das neue Büro hat das Unternehmen im Winter selbst gebaut.
Quelle: Mijo Wahli
Seit einem halben Jahr beteiligt sich Rumbau an der Arbeitsgruppe zum Projekt «Arbeitsmodelle für Vereinbarkeit im Holzbau». Dieses soll die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit fördern. Wie Projektkommunikator Adrian Hauser auf Anfrage mitteilt, sei dabei die Arbeitszeit ein wichtiger Aspekt. Deshalb diskutiere man verschiedene Arbeitszeitmodelle wie die Viertagewoche, Teilzeitstellen unter 80 Prozent oder Flexibilität bei Arbeitsbeginn und -ende.
"Gleichstellung wird auch erreicht, indem sich Männer mehr um die Familie kümmern können." Adrian Hauser
Laut Hauser trage dies zur Gleichstellung bei. «Eine bessere Gleichstellung wird nicht nur durch mehr Frauen in der Branche erreicht, sondern auch, indem sich Männer mehr um die Familie kümmern können.» Arbeitsmodelle, welche die Vereinbarkeit fördern, würden dazu beitragen, dass Frauen mit Kindern eher in der Branche bleiben, so Hauser.
Schweres Unterfangen
Die Umsetzung verschiedener Arbeitsmodelle sei für die Betriebe mit Herausforderungen verbunden. Die Branchenbefragung 2024, die auch Fragen zur Vereinbarkeit enthielt, hat gezeigt, dass Teilzeitarbeit in der Montage in jedem fünften Betrieb nicht möglich ist, in vier von zehn Betrieben nur ab einem Beschäftigungsgrad von 80 Prozent. «Hier soll das Projekt den Arbeitgebenden unter die Arme greifen, etwa mit Pilotprojekten, Beratungen oder Hilfsmitteln für die Handhabung von Teilzeitstellen», sagt Hauser.
Weiter soll das Projekt dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Gemäss der Branchenbefragung 2024 sei es zwar kein Problem, Lernende zu finden, sondern diese dann auch zu halten. Zusätzlich komme es ab einem gewissen Alter häufig zu Branchenaustritten. «Vollzeit auf dem Holzbau zu arbeiten, ist extrem belastend. Irgendwann spürt der Körper das, und dann suchen sich die Leute Alternativen», erklärt Walker. Rumbau selbst verfolge das Projekt vor allem, um das eigene Team zu stärken und einen guten Arbeitsplatz zu schaffen. «Dem Fachkräftemangel als kleines Unternehmen entgegenwirken können wir nicht, aber wir möchten unsere Angestellten zufriedenstellen und langfristig halten», sagt Walker, denn Veränderungen beim Personal kosten ein Unternehmen viel.

Wachhund Jaro sorgt in Aegerten für Recht und Ordnung.
Quelle: Mijo Wahli
Walker weiss, dass es im Baugewerbe nicht immer möglich ist, Teilzeit zu arbeiten. «Es gibt Menschen, die es sich gar nicht leisten können, weniger zu arbeiten und damit weniger zu verdienen.» Ausserdem sei auch die Altersvorsorge ab einem gewissen Alter ein Thema. «Das ganze System ist darauf ausgelegt, das ganze Leben lang Vollzeit zu arbeiten», sagt Walker. Das erschwere es vielen Leuten, kürzerzutreten.
Ein Wandel mit Risiko
Mit der Teilnahme am Projekt wünscht Rumbau, andere Arbeitsmodelle in der Branche voranzutreiben und zu normalisieren. Die Normalisierung könnte laut Walker dazu führen, dass Auftraggeber die neuen Arbeitsmodelle besser akzeptieren. Das würde einem Unternehmen helfen, wieder besser im Wettbewerb zu bestehen, denn der Druck im Handwerksgewerbe sei hoch: Oft würden enge Zeit- und Geldbudgets seitens der Auftraggebenden die Anforderungen der Mitarbeitenden einschränken.
"Es stellt ein Risiko dar, in diesem Ausmass Rücksicht auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmenden zu nehmen." Stefanie Walker
Für Walker muss sich weiter die Perspektive der Gesellschaft auf die Handwerksberufe ändern. «Die Handwerkerinnen und Handwerker sind es, die unserer Gesellschaft das Funktionieren und Leben ermöglichen. Andere Arbeitsmodelle zu verfolgen, zeigt ihnen gegenüber Respekt.»
Dass die Rumbau GmbH diesen Weg weitergehen kann, ist der grosse Wunsch des Unternehmens. Das sei laut Walker nicht selbstverständlich, denn die Konkurrenz schlafe nicht. Es stelle zum jetzigen Zeitpunkt ein Risiko dar, in diesem Ausmass Rücksicht auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmenden zu nehmen. «Andere Betriebe, in denen alle Mitarbeitenden Vollzeit arbeiten, bieten den Auftraggebenden schlicht die gewohnten Arbeitsabläufe. Wir hingegen müssen einerseits sehr präzise kommunizieren, andererseits sind wir von einer gewissen Offenheit der Auftraggeber abhängig. Bis sich andere Arbeitsmodelle auch im Handwerk durchsetzen, ist es für uns ein Sprung ins Ungewisse.»
WIR BAUEN MIT HAND HERZ & VERSTAND
